Schöpfungsfunke & Wandlungskraft

Von der Bedeutung des Feuers in der schamanischen Ritualarbeit

 

Schamanische Ritualarbeit ist Wandlungsarbeit. Ich gehe in ein Ritual, weil ich etwas in mir oder meinem Leben wandeln möchte oder weil sich in mir bereits etwas wandelt und ein Ritual diesen Prozess unterstützen und ihm Richtung geben kann. Sei es, dass ich ein altes Muster loslassen möchte; eine neue Verbindung eingehen oder eine Trennung durch führen möchte; vielleicht nehme ich in meiner Gemeinschaft eine neue Rolle ein, wie z.B. MutterSein oder eine Leitungsposition. Auch die Wandlungsphasen des FrauSeins wurden und werden in vielen Kulturen durch Rituale begleitet und gewürdigt. Für Mädchen ist dies die Initiation ins FrauSein und in späteren Jahren dann die Wandlung zur reifen Frau.

Durch ein Ritual wird die jeweilige Wandlung nicht nur in der Alltagsrealität vollzogen, sondern bewusst (!) auch im spirituellen Raum, wodurch nach meiner Erfahrung jede Transformation wesentlich mehr Substanz und Stabilität, mehr Weite und Tiefe erlangt.

 

So steht zu Beginn eines schamanischen Rituals die Schaffung eines heiligen Raumes, in dem der Prozess stattfinden kann. Auch wenn jeder Platz auf der Erde ein heiliger Ort ist, ist es für uns Menschen dennoch wichtig einen Rahmen zu schaffen, wo wir ganz bewusst unseren Alltagsraum verlassen und uns in den spirituellen Raum begeben.

In meiner Arbeit kennzeichne ich den Raum, in dem ich arbeiten möchte – sei es in einem Gebäude oder in der Natur – kreisförmig mit Tabak oder Dinkel und schaffe so eine Verbindung zu den 4 heiligen Richtungen (Süden, Westen, Norden, Osten). Nachdem damit die horizontale Ausrichtung des Raumes geschaffen ist, steht als nächstes die vertikale Ausrichtung an: ich entzünde ein Feuer; oftmals einfach in Form einer Kerze. Das Feuer verbindet nun den Raum nach unten mit dem Feuer in der Erde und nach oben mit dem allgegenwärtigen Feuer der Schöpfung. Der heilige, spirituelle Raum ist geöffnet.

 

Feuer verbindet uns wie kein anderes Element mit der Schöpfungskraft, die wir auch Great Spirit, Gott, Göttin, Jehova, Allah oder einfach „das große Geheimnis“ nennen können. Feuer ist so unerklärlich und unfassbar wie Great Spirit. Ebenso wie wir eine spirituelle Erfahrung machen können, können wir Feuer zwar erfahren, aber nicht verstehen. Feuer wirft viele Fragen auf, ebenso wie das Göttliche. Feuer hat keine erkennbare materielle Substanz und dennoch viele Erscheinungsformen. Da ist die Flamme, die Glut, der Funke, die Sonne am Himmel, der Blitz und vieles mehr.

Feuer ist das Element des Übergangs von Materie zur Schöpfungskraft und umgekehrt, vom Schöpfungsfunken zur Manifestation. Für ein Ritual mache ich z.B. ein Gebetsbündel um eine alte Verletzung loszulassen. Das Bündel gebe ich ins Feuer mit der Bitte, dass so wie sich das materielle Bündel auflöst und in fruchtbare Asche verwandelt, sich die alte Verletzung auflöst und transformiert. Damit habe ich in mir Raum für etwas Neues geschaffen. Als nächsten Schritt im Ritual lade ich dann das Neue – was auch immer das jeweils sein mag – ein, sich in meinem Leben zu manifestieren. Ich richte meine Einladung an das Große Geheimnis, an die Quelle aus der der Funke für das Neue kommt. Auch hier schafft Feuer den Übergang, diesmal vom spirituellen in den materiellen Raum. Um meinen Wandlungsprozess weiter auf der materiellen Ebene zu manifestieren, kann ich dann z.B. einen Gebetsstab, einen Schild oder anderes kreieren und so dem Neuen Gestalt und Form geben. Feuer bringt hier das Geschenk der Inspiration und Kreativität und kann mich bei der Gestaltung des Neuen unterstützen.

 

Bereits im Vorfeld, bei der Entwicklung eines Rituals bitte ich als Ritualleiterin das Feuer um Unterstützung und Begleitung. Ein Ritual zu entwickeln ist – wie jede Kunst – kreative, schöpferische Arbeit. Auch hier entzünde ich an meinem Arbeitsplatz eine Kerze, um mich mit dem Großen Geheimnis zu verbinden. Die Schöpfungskraft ist die Quelle von Allem, das ist. Ohne Verbindung zu dieser Quelle kann ich nichts Neues – also auch kein Ritual – schaffen.

 

Schamanische Ritualarbeit ist Wandlungsarbeit im heiligen Raum. Feuer öffnet und hält diesen Raum und bringt Wandlungskraft hinein. In diesem Raum ist die Transformation auch tiefster Wunden und Traumatisierungen möglich, wie z.B. die Überwindung der Folgen von sexuellem Missbrauch und anderer Übergriffe.

Traumatische Erfahrungen schwächen unsere Lebenskraft, ersticken unser inneres Feuer und trennen uns von unserer Essenz. Da unsere Essenz oder unsere Seele ein Teil der universellen Lebenskraft und des Großen Geheimnisses ist, kann diese, nach meiner Erfahrung, nicht verletzt werden. Sie bleibt ganz und heil, was auch immer mit uns geschieht. Dies bedeutet, dass wir die Blockaden beiseite räumen und den Zugang zu unserer Essenz wieder frei schaufeln können.                                             Transformation bedeutet in diesem Zusammenhang die Wandlung vom Opfer in eine Frau im Vollbesitz all ihrer Kräfte. Feuer kann uns hier unterstützen, unsere jeweils eigene Vision von uns selbst als geheilter Frau zu entwickeln und diese Frau zu sein. Eine Frau, die sich auf den Weg gemacht hat, sich selbst zu heilen, ihre Essenz wieder frei zu legen und zu leben.

Diese Wandlung ist kein einmaliger Vorgang, sondern ein andauernder Prozess mit vielen kleinen und großen Transformationen. Viele Themen werden dabei berührt und bedürfen eines achtsamen Umgangs. Das durch das Trauma geschwächte Vertrauen zu uns selbst, zu anderen und zum Göttlichen braucht Raum und Zeit, Liebe und Aufmerksamkeit, um stetig zu wachsen und groß und stark zu werden. Schritt für Schritt können wir überkommene Muster und Überlebensstrategien auflösen und gehen lassen, unsere Lebenskraft nähren, unser inneres Feuer schüren und lernen, wie wir es beständig brennen lassen können. Die Werkzeuge dafür sind vielfältig. Wie die einzelnen Schritte jeweils genau aussehen, ist Ausdruck der Einzigartigkeit einer jeden Frau, ihrer Geschichte und ihres Traums.

 

Wandlungsarbeit hat so viele Facetten wie das Feuer. Bei allen Wandlungen in unserem Leben können wir das Feuer bitten seine besonderen Qualitäten mit uns zu teilen. Feuer selbst wandelt und verändert sich in jedem Augenblick. Feuer ist Bewegung und Veränderlichkeit. Feuer lädt uns ein, uns den Wandlungen ins uns selbst und den Veränderungen in unserem Leben hinzugeben. Auch das kleinste Feuer kann ein Resonanzpunkt sein, durch den wir den Schöpfungsfunken in uns selbst und zugleich unsere Teilhabe am großen Ganzen spüren. Vom Feuer können wir lernen selber zu leuchten. Und so wie wir bei manchen Ritualen mit dem Feuer tanzen um unseren ganz eigenen Lebenswandel zu gestalten, lädt das Feuer uns ein, als ganze Frau ein bewusster und bejahender Teil des universellen Tanzes und des fortwährenden Wandels zu sein.

Und so schließe ich diesen Artikel mit einem „heißen“ und tief empfundenen Dank an das Feuer: Danke!

 

 

Erschienen in "Schlangenbrut - Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen", Ausgabe 119, Thema: Feuer, Novemner 2012