Im kosmischen Wartehäuschen

Die Erde & wir – ein Liebesverhältnis? Oder ein Alptraum? Oder ...?

 

Der größte Erinnerungsraum, den wir kennen, ist das Universum: der Raum, der vor ca. 15 Milliarden Jahren mit dem Urknall entstand und in dem wir uns auch heute noch bewegen. Alles, was sich heute durch diesen Raum bewegt, entstand in diesem einen Moment und trägt die Erinnerung daran. Das Universum ist seitdem durch viele Wandlungsphasen gegangen. Unser Sonnensystem formte sich, dann die Erde und schließlich tauchte die Form Mensch auf, um mit und auf der Erde zu leben.

Lange lebten wir im Einklang mit der Erde. Dann entwickelten wir uns zum ‚modernen Menschen’. Seitdem befindet sich unsere Beziehung zur Erde in einer tiefen Krise. Wir sind die einzige Spezies auf der Erde, die ihren Lebensraum nachhaltig zerstört. Warum tun wir das? Können wir uns selbst nicht leiden? Können wir die Erde nicht leiden? Können wir unser MenschSein auf der Erde nicht leiden? Ist unser Zusammenleben mit der Erde eine Zwangsgemeinschaft oder eine Herzensangelegenheit?

Ich glaube, dass großes Heilungspotential in der Beantwortung dieser Fragen liegt. Heilung nicht für die Erde, sondern für uns Menschen, als Individuum und als Spezies. Und für unser Leben mit der Erde. Ich hoffe, mit meinem Artikel einen Teil zu dieser Heilung beitragen zu können.

 

 

Blickwinkel I

Mit „wir“ meine ich in diesem Artikel sowohl jedes einzelne menschliche Individuum als auch die Menschheit als Ganzes. Dies ist natürlich eine grobe Verallgemeinerung. Nicht jede Person wird dort hinein passen und auch nicht jede menschliche Kultur und Zivilisation. Ich schreibe aus dem westlichen Blickwinkel, und da dieser mittlerweile sehr prägend für die gesamte Menschheit geworden ist, habe ich mich an dieser Stelle für diese Verallgemeinerung entschieden.


Urknall und Schöpfungskraft

Der Urknall ist der Moment in dem alles begann. Die Schöpfungskraft wurde freigesetzt. Dieser Moment der Schöpfung dauert bis heute an, er findet jetzt und jederzeit statt.

Schöpfung ist nichts abgeschlossenes, nichts das jemals fertig sein wird. Schöpfung bedeutet beständige und andauernde Entfaltung. Sie begann vor ca. 15 Milliarden Jahren und hat bis heute ungezählte Galaxien, Aliens, Bäume, Regenwürmer und andere Lebensformen hervor gebracht.

Die Schöpfungskraft kreiert fortlaufend Neues und so dehnt sich das Universum aus, schafft Raum für Bewegung und Wandel und bildet so auch Raum für Erinnerung. Alles im Universum wird in jedem Moment neu aufeinander abgestimmt und ausbalanciert. Die Erde und die Menschheit, jede Wolke und jeder Kopfsalat sind in diesen Prozess eingeschlossen.

Schöpfung bedeutet für mich, dass alles beständig im W e r d e n ist. Alles, was entsteht, ist aus etwas hervorgegangen. Nichts entsteht aus Nichts. Alles ist immer Ergebnis oder Folge und gleichzeitig auch Vorstufe für etwas anderes. Wir wissen, dass jede Antwort (mindestens!) eine neue Frage hervorbringt. Diese Frage drängt zur Beantwortung – zur E n t f a l t u n g – und jede Antwort bringt neue Fragen hervor.

So können wir auch alles, was im Universum auftaucht, als Antwort auf eine Frage verstehen. Wenn die Antwort so weit gediehen ist, dass sie sich in lauter neue Fragen aufgelöst hat, werden neue Antworten und somit neue Formen auftauchen, um die neuen Fragen zu beantworten. So entstehen Lebensformen und vergehen wieder.

Auch wir Menschen sind die Antwort auf eine Frage, die im Universum aufgetaucht ist. Aber wir sind nicht das Ende aller Fragen.

 

Der Schöpfungsmythos 

Trotz aller Wissenschaft wissen wir nicht, wer oder was den Schöpfungsprozess in Gang gebracht hat. Manche nennen es Göttin oder Gott, Buddha, Allah oder Jehova. In den Traditionen der nordamerikanischen Ureinwohner wird es als „Great Spirit“ oder auch als „Großes Geheimnis“ bezeichnet. Mythen sind Annäherungsversuche an das Große Geheimnis und Erklärungsmuster für die Stellung des Menschen im Universum. Wir alle sind mit bestimmten Mythen und kulturellen Grundmustern aufgewachsen, die bis heute unsere Wahrnehmung von der Welt und von uns selbst in der Welt bestimmen.

 

Die meisten unserer heutigen Schöpfungsmythen enden mit der Entstehung der Menschheit. Als seien wir die Krone der Schöpfung und das Ende der Geschichte. Sie geben uns kein Gefühl dafür, keine Vision davon, warum wir eigentlich hier sind und was wir hier sollen. Wir sollen uns vermehren und die Erde besiedeln – aber warum eigentlich?

Der Schöpfungsmythos, wie er z.B. im Alten Testament beschrieben ist, bildet eine wesentliche mythologische Grundlage der heutigen westlichen Kultur. In diesem Mythos endet die Schöpfung am 7. Tag. Er enthält nichts, was darüber hinaus weist; er bindet uns nicht ein in die jetzt und jederzeit stattfindende Schöpfung. Er vermittelt kein Konzept von Entfaltung und von Werden. So hängen wir verloren und orientierungslos im Raum. Die Begrenztheit dieses Schöpfungsmythos lässt uns ohne Vision, ohne Vorstellung von uns selbst, ohne Orientierung und Absicht auf der Erde herum tapsen.

Da wir aber irgendetwas tun müssen, tun wir das Naheliegende: Wir sichern unser Überleben – was ja auch nicht verkehrt ist. Wir kümmern uns um die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse, wie Nahrung, Kleidung, Fortpflanzung, Schlaf, Schutz, Sexualität, Gemeinschaft, Lernen, Kreativität, … Im Grunde genommen tun wir seit zwei Millionen Jahren nichts anderes. All unsere ausgefeilten Überlebensstrategien beantworten aber nicht die Frage: Was sollen wir hier – als Individuum und als Spezies?

Die Suche nach dem Sinn des Lebens hat im Laufe der Zeit verschiedene Religionen und spirituelle Lehren hervor gebracht. Viele dieser heutigen Lehren beschreiben unsere Zeit auf der Erde als eine Art Übergangsstadium. Sei es, dass sie uns erzählen, nach dem Tod ginge es um die Frage „Himmel oder Hölle“, oder ob sie uns Inkarnationsstufen erklären, in deren Verlauf wir uns aus dem MenschSein lösen, uns aus der Erdgebundenheit erlösen.

 

Ist unsere Zeit auf der Erde also nur ein Übergang? Unser MenschSein nur eine 'schwierige Phase'? Ist unser Erdenleben nur eine Zwischenstation? Auf dem Weg von ... nach ...? Ist die Erde also so eine Art 'kosmisches Wartehäuschen'?

Das würde zumindest unseren Umgang mit ihr erklären.

 

Im kosmischen Wartehäuschen

Da wir uns selbst eher als „Krone“ und somit Ende der Schöpfung wahrnehmen, haben wir nicht nur kein Verständnis für unsere eigenen Wandlungsprozesse, sondern auch keines für die der Erde. Dank moderner Wissenschaft wissen wir zwar irgendwie, dass sie sich weiterhin wandelt, finden aber, dass sie damit aufhören sollte, anstatt mit ihren Rhythmen und Bewegungen unseren Alltag durcheinander zu bringen.

Da wir uns ihren Rhythmen nicht anpassen wollen, sind wir starr geworden. Anstatt uns in ihre offenen Arme zu stürzen, uns mit ihr zu bewegen, uns gegenseitig im Werden zu begleiten und ganz in diese Erfahrung einzutauchen, haben wir uns in unserem 'kosmischen Wartehäuschen' eingerichtet. Wir erfinden ständig neue Erdabwehrsysteme und haben aufgehört, die Erde jenseits des Häuschens zu erkunden und zu erleben.

Diese Starrheit macht uns aber auch zutiefst unglücklich. Während die einen von uns sich nach wie vor für die Krone der Schöpfung halten, hadern die anderen beständig mit dem MenschSein und damit, dass wir so sind, wie wir sind. Wir hassen uns für das, was wir tun. „Die Erde wäre ohne uns Menschen besser dran“, ist einer der traurigsten Sätze, die ich mir vorstellen kann. Was sagen wir damit über uns selbst? Und über unser Verhältnis zu uns selbst?

Da wir keine Vision von unserer eigenen Entfaltung haben – als Individuum und als Menschheit – bleibt uns nichts als Warten. Warten auf Erlösung, Erleuchtung, die nächste Katastrophe, „das Ende“. Wie sollten wir auch sinnvoll handeln können, wenn wir uns selbst als „Unfall“ oder „Irrtum der Evolution“ definieren?

Ob nun ‚Krone’ oder ‚Irrtum’ – in beiden Definitionen drückt sich unsere Distanz zum Rest der Schöpfung aus. Und keine dieser beiden Definitionen hilft uns dabei, unseren Platz im Universum zu finden, sie bringen uns nicht in Einklang mit dem Großen Geheimnis.

 

MenschWerdung

Da wir alle Teil und Ausdruck der Schöpfung sind, sind wir niemals 'fertig': die Erde nicht, die Menschheit nicht und auch nicht alle anderen Daseinsformen und Kreaturen. Es gibt keine Krone, keinen Unfall und kein Ende der Geschichte.

Der Aspekt der Schöpfung, aus dem wir entstanden sind, existierte schon Milliarden von Jahren bevor er die Form Mensch angenommen hat. Und irgendwann wird es so sein, dass die Form Mensch sich komplett auflöst und einen anderen Ausdruck annimmt. Die Menschheit ist ca. 2 Millionen Jahre alt. In dieser Zeit sind wir durch viele Wandlungen gegangen und dies werden wir auch weiterhin tun. „First Woman“ hat den Keim gelegt und doch unterscheiden wir, ihre Nachfahr/innen, uns ganz deutlich von ihr, so wie auch die, die nach uns kommen, sich von uns unterscheiden werden.

Irgendwann im Laufe dieser Jahre hat der „moderne Mensch“ die Verbindung zur Erde, zum Kosmos und zur Schöpfung verloren und auch das Bewusstsein, Teil dieser Schöpfung zu sein. Wir erleben Wandelbarkeit, Verletzbarkeit und Sterblichkeit als Schwäche. Wir fürchten die Bewegungen der Erde und der Elemente und erleben uns selbst als ohnmächtig gegenüber diesen Kräften. Da wir so viel Angst und Ohnmacht nicht aushalten, versuchen wir Kontrolle über diese Kräfte zu erlangen oder uns zumindest zu schützen oder irgendwie einen Kompromiss mit der Erde zu finden. Das ist verständlich. Aber liegt auch Heilung darin? Bringt es uns unserer MenschWerdung wieder näher?

MenschWerdung ist Hingabe, ist Eintauchen in den lebendigen Schöpfungsprozess. Sie vollzieht sich durch die bewusste Annahme unseres MenschSeins und unserer Menschlichkeit in allen Aspekten und Dimensionen. Hingabe ist ein aktiver Prozess, ebenso wie Fragen und Antworten. Und so ist auch MenschWerdung ein aktiver Prozess und nichts, dass uns irgendwie geschieht oder zustößt. MenschWerdung ist kreative Gestaltung und bewusste Entfaltung unseres Potentials.

Dieser Prozess findet nicht im 'kosmischen Wartehäuschen' statt. Er findet m i t der lebendigen, atmenden Erde statt. Die Erde ist keine Zwischenstation, sondern der Ort, an dem sich unsere MenschWerdung vollzieht. Nirgendwo anders im Universum könnten wir Menschen sein. Wir brauchen die Erde für diesen Prozess, den Austausch mit ihr und ihren Schwingungen, ihren Tönen und Klängen und mit all ihren Bewohner/innen.

 

Blickwinkel II

Wenn wir über das Verhältnis von Menschen und Erde sprechen, tun wir dies immer aus der menschlichen Perspektive. Ein Kohlenstoffatom wird die Dinge anders sehen, ebenso wie die Erde selbst. Deshalb erscheint es mir wichtig, immer wieder über unseren Blickwinkel zu reflektieren und zu schauen, ob wir dabei nicht irgendwelchen Projektionen aufsitzen. Ich möchte hier drei solcher Projektionen vorstellen und hinterfragen, ob sie für unser Verhältnis zur Erde eher hilfreich oder eher hinderlich sind.

1.      Wenn wir „Erde“ sagen, meinen wir meist unseren Lebensraum, der lediglich die Erdoberfläche umfasst und reduzieren dieses vielschichtige Wesen auf unsere Wahrnehmungsfähigkeit. Das Wesen ‚Erde’ besteht aus weit mehr als wir heute erfassen können. Mittlerweile kennen wir uns in unserem Lebensraum ganz gut aus. Das Wesen ‚Erde’, ihre Essenz, ihre Beweggründe sind nach wie vor ein Mysterium für uns.

2.      So meinen wir wohl auch eher unseren Lebensraum, wenn wir davon sprechen, dass wir „die Erde“ heilen oder gar retten wollen. Unsere Lebensgrundlagen zu erhalten ist notwendig, aber nicht dasselbe wie „die Erde zu retten“. Und als Heilpraktiker/innen wissen wir ja eigentlich, dass nicht wir es sind, die irgend jemanden oder irgend etwas heilen. Wieso also denken wir, dass wir etwas so großes und unfassbares wie die Erde heilen müssen – von können ganz zu schweigen? Verwechseln wir da auch etwas? Empfinden wir die Erde als hilfloses Opfer böser Mächte?

3.      Wie passt es dann anderseits dazu, dass wir sie gerne mit „Mutter Erde“ ansprechen? Zum einen versuchen wir damit, einen Planeten in eine menschliche Beziehungsform zu pressen. Zum anderen: Sind wir ihre Kinder, die von ihr genährt, gehalten, erzogen und bestraft werden? Sind wir die hilflosen Wesen? Oder ist die Erde ein 'Pflegefall', den wir Kinder versorgen müssen?

 

Co-Kreative Partnerschaft

Zweifelsohne stellen uns das Universum und die Erde unseren Lebensraum zur Verfügung und selbstverständlich sollten wir achtsam damit umgehen und diesen Raum für nachfolgende Generationen erhalten. Aber wie?

Indem wir uns auf den Heilungsprozess einlassen, der die Aussöhnung mit unserem MenschSein und die Annahme der Bedingtheiten, die damit einhergehen, umfasst. Dies bedeutet auch, dass wir als Menschheit erwachsen und so neue Antworten werden. Eine Antwort zu sein beinhaltet aber immer auch Ver-Anwort-ung zu übernehmen. Es bedeutet, unsere Distanz zum Rest der Schöpfung aufzugeben und innige Verbundenheit und Nähe zu entwickeln.

Erwachsen zu werden befähigt uns, die Gleichberechtigung aller Daseinsformen im Universum wahrzunehmen und zu zu lassen. Alle Teile der Schöpfung sind gleich wichtig, es gibt darin keine Gewichtung von Wichtigkeiten. Im Universum existiert kein oben und unten, kein richtig oder falsch, kein gut oder schlecht.

In diesem Kontext Verantwortung übernehmen, bedeutet für mich zu lernen, Schritt für Schritt mein Ego gehen zu lassen: anzuerkennen und zu respektieren, dass unsere Sicht auf die Dinge immer aus der menschlichen Perspektive erfolgt. Selbstverständlich sollte auch unsere Perspektive Beachtung finden, aber es ist eben nur eine von vielen. Ein Regenbogen wird die Dinge anders sehen, ebenso ein Stein, ein Mammut oder ein vorbei fliegender Komet.

 

MACHAELLE SMALL WRIGHT hat – in Zusammenarbeit mit vielen anderen Daseinsformen – das Konzept der Co-kreativen Partnerschaft entwickelt. Co-kreative Partnerschaft bedeutet die Zusammenarbeit mit allen Wesen, die mit dem jeweiligen Vorhaben verbunden sind oder sich verbinden möchten. Alle sichtbaren und unsichtbaren Wesen bestehen aus mit Bewusstsein versehener Lebensenergie, die im nordamerikanischen Schamanismus „Spirit“ genannt wird.

Wenn ich z.B. einen Heilkräutergarten anlegen möchte, kommuniziere ich mit den Spirits des Ortes, der Pflanzen, der Steine, des Bodens, des Wassers, oder vielleicht auch den Spirits der Symptome, die ich heilen möchte, usw. Weiterhin frage ich, welche Wesen sonst noch mit dem entstehenden Garten verbunden sind oder dies wünschen. Möchte ich ein neues Fortbewegungsmittel entwickeln, rufe ich vielleicht die Gesetze der Physik, die Spirits der Bewegung, die Qualitäten der bisherigen Fortbewegungsmittel, die Spirits der Metalle oder Hölzer oder was auch immer benötigt wird.

Es ist eine erweiterte Form von Teamarbeit, in der die vielfältigen Sichtweisen, Erfahrungen und Kompetenzen zusammenkommen. Nur durch die Kommunikation mit allen beteiligten Wesen und Ebenen können wir sicher sein, dass unser jeweiliges Vorhaben zum Wohle aller beiträgt und in Harmonie mit dem großen Ganzen ist.

Als lebenslanger Lernprozess fordert dies einiges von uns: Demut, Aufgabe des Egos, Liebe zu uns selbst und anderen, Hingabe, Fehler machen, Gelassenheit, Geduld und jede Menge Humor! Und immer wieder: fragen, fragen, fragen! Um eine Antwort zu sein, müssen wir Fragen stellen und auf das lauschen, was uns von allen Ebenen und aus allen Ecken des Universums zugeraunt wird.

 

 

 

Literatur:

BERRY, THOMAS: Die neue Schöpfungsgeschichte. (o.J.) www.kooperation-evolution.de/index3.html(Abruf 16.08.2011)

SMALL WRIGHT, MACHAELLE: Perelandra Garden Workbook, Second Edition – a complete Guide to gardening with nature intelligences. Perelandra LTD. (1993)

SWIMME, BRIAN / BERRY, THOMAS: Die Autobiographie des Universums. Diederichs (1999)

 

 

Erschienen im März 2012 in: Lachesis Nr. 41 - Fachzeitschrift des Berufsverbandes für Heilpraktikerinnen Lachesis e.V.